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Marc Lubetzki bei der Annäherung an Wildpferde

RANGORDNUNG

Dominanzverhalten

Wenn in Reitställen über Rangordnung gesprochen wird, höre ich noch heute ständig: „Du musst der Chef sein“ oder „wenn du nicht führst, übernimmt das Pferd die Rolle des Herdenchefs“.

Dahinter steckt die Vorstellung, dass es in jeder Pferdegruppe eine klare Pyramide gibt. Oben der Boss, unten die, die gehorchen müssen. Entsprechend wird im Training oft mit dem Ziel gearbeitet, das Pferd konsequent „weichen zu lassen“, es „zu dominieren“ und jeden Widerspruch als Infragestellung der Chefrolle zu deuten.

Schon als ich mich das erste Mal auf den Weg zu Wildpferden machte, war mir klar, dass ich ohne die typischen Hilfsmittel wie Halfter, Peitsche oder Seil sowieso keine Chance hätte, ein Wildpferd zu dominieren. Und das war ja auch gar nicht meine Absicht. Nein, ich wollte erforschen, wie die Pferde es untereinander machen.

In der Herde passiert nix

Bereits nach kurzer Zeit war für mich die Sache mit der Rangordnung eindeutig. Innerhalb einer Herde spielt sie keine Rolle. Dort sind es ganz andere Regeln der Gemeinschaft und des Miteinanders von Hengsten und Stuten, die den Alltag gestalten.

 

Die Begegnungen der Herdenhengste außerhalb ihrer Gruppen sind dagegen anders. Sie folgen strengen ritualisierten Abläufen und können in drei verschiedene Kategorien eingeteilt werden: Rituale ohne jeden Körperkontakt, energiegeladene Beschädigungskämpfe und freundschaftliche Begegnungen.

 

Natürlich wünschte ich mir sowohl in der Wildnis und auch mit Hauspferden nur freundschaftliche Begegnungen. Aber können wir körperliche Auseinandersetzungen überhaupt vermeiden und wenn ja, wie? Und wie sieht es mit den ritualisierten Treffen ohne Körperkontakt aus? Wäre das eine Option in einer Pferd - Mensch - Beziehung? Es gab also viel zu beobachten und die Ursachen für die so unterschiedlich verlaufenden Begegnungen zwischen Hengsten zu erforschen.

Herdenhengst begegnen sich außerhalb der Herden

Begegnung außerhalb der Herden.

Herdenhengste im Ritual

Das ritualisierte Heben der Vorhand.

Ritualisierte Begegnungen

Ritualisierte Begegnungen ohne Körperkontakt können wir in der Natur täglich beobachten. Bei Hengsten, die noch nicht so häufig Kontakt miteinander hatten, fallen die Gesten sehr deutlich aus. Bei Hengsten, die sich schon sehr lange kennen und schon oft dieses Ritual durchgeführt haben, sind die Signale unauffälliger.

 

Gleich ist immer, dass sich die Hengste außerhalb ihrer Herden treffen und sie zunächst etwas abwarten und anschließend aufeinander zu gehen. Die Elemente, die sie in ihrer Begegnung zeigen, können, ein Zeigen der Schulter, ein verzögerter Schritt, eine Gewichtsverlagerung oder ein Heben der Vorhand, ein Rückwärtsgehen und auch Markierverhalten sein. Anhand der jeweiligen gezeigten Signale zeigen und bestätigen sie ihr Rangverhältnis zueinander.

 

Und hier wird es kniffelig für uns Menschen. Die Elemente Rückwärts, Steigen und auch das seitliche Verschieben der Schulter sind alles Bewegungen, die als Lektionen von Pferden abgefragt werden und auch von Menschen während der Boden- oder Freiarbeit ausgeführt werden. Was diese Signale für Pferde eigentlich bedeuten, darüber macht sich kaum ein Mensch Gedanken.

Herdenhengst im Kampf

Die Hengstzähne werden im Kampf eingesetzt.

Herdenhengste kämpfen

Kehlbiss und Versuch des Umwerfens.

Beschädigungskämpfe

Ernsthafte Kämpfe zwischen Hengsten sind sehr selten. In einem stabilen Herdenverband zeigen Hengste ihre Rangordnung überwiegend über Rituale ohne Berührungen. Kommen die Hengste in einem kontaktlosen Ritual nicht zu einer eindeutigen Klärung, kann es im Laufe der Zeit auch zu Beschädigungskämpfen kommen.

Das kann der Fall sein, wenn Herdenstrukturen sich stark verändert haben oder eine neu gegründete Herde über den Herdenhengst ihre Position im Herdenverband finden muss.

Genau deshalb halte ich es für hochriskant, wenn wir Menschen uns – meistens unbewusst – in eine ähnliche Ebene mit einem Pferd begeben.

Es gibt Hengste, die niemals gegeneinander kämpfen. Aber es gibt auch Beschädigungskämpfe, die tödlich enden.

Dränge ich ein Pferd frontal, nehme ihm den Raum, zwinge es wiederholt zum Rückwärtsweichen oder verwende andere Signale, die im Dialog zwischen rivalisierenden Hengsten vorkommen, kann ein Pferd mit massiver Gegenwehr reagieren. Menschen werten das schnell als Aggression. Tatsächlich reagiert das Pferd aber konsequent im Rahmen seines artspezifischen Verhaltens.

Ich möchte mit keinem Pferd an dem Punkt landen, an dem es mich wie einen rivalisierenden Hengst behandeln muss. Deshalb achte ich auf Abstand, klare, frühzeitige Signale und darauf, Spannungen rechtzeitig herauszunehmen, statt sie zu steigern. Je besser wir diese feinen Vorstufen wahrnehmen, desto weniger geraten wir in Situationen, in denen ein Beschädigungskampf überhaupt eine Option wird – für das Pferd oder für uns.

Herdenhengste nähern sich an

Die seitliche Annäherung zwischen Althengsten.

Herdenhengste nähern sich an

Kein direkter Nasenkontakt.

Zweckbeziehung und Freundschaft

Wenn ich Herdenhengste im Austausch erlebe, berührt mich oft, wie freundschaftlich ihre Begegnungen ablaufen. Da stehen zwei erwachsene Hengste einander gegenüber, nähern sich ruhig und bestimmt in einem vertrauten Begrüßungsritual, das ganz ohne Hektik auskommt. Diese „Männergespräche“ folgen festen Abläufen: Annähern, innehalten, Berührung, gemeinsames Stehen, manchmal sogar mit gegenseitiger Fellpflege, bevor jeder wieder zu seiner Herde zurückkehrt.

Zwischen einzelnen Hengsten bestehen echte Freundschaften, die über ihr gesamtes Leben anhalten. Ich habe Althengste beobachtet, die regelmäßig zusammenkommen, dicht beieinander ruhen oder sogar nebeneinander schlafen, während ihre Herden mit etwas Abstand grasen. Ihre Körper sind dann fast spiegelgleich ausgerichtet.

Diese freundschaftlichen Kontakte zwischen den Hengsten sind für den gesamten Herdenverband von großer Bedeutung. Sie halten Kommunikationswege offen, schaffen Vertrauen über Herden hinweg und ermöglichen, das Gruppen in bestimmten Situationen näher zusammenrücken können, ohne dass Unruhe entsteht. Für mich sind diese Begegnungen immer wieder ein Bild dafür, wie viel Feingefühl, Respekt und Bindungsfähigkeit in einem Herdenhengst stecken.

Herdenhengste beriechen sich

Bei den beiden ist längst alles geklärt.

Herdenhengste schecken sich ab

Typisch Hengste: einfach nebeneinander stehen.

Der Mensch als Leithengst?

In vielen Stallgesprächen taucht immer wieder die Idee auf, der Mensch müsse für sein Pferd die Rolle des Leithengstes übernehmen. Von der exakten Definition her wäre der Leithengst nicht nur ein Herdenhengst, sondern der Althengst aus dem gesamten Herdenverband, der ganz oben in der Rangordnung steht. Und selbst ein einfacher Herdenhengst ist ein erfahrenes Pferd, tief eingebunden in einen Herdenverband mit klar verteilten Aufgaben und einer Kompetenz, die aus einem ganzen Pferdeleben in dieser Struktur gewachsen ist. Schon diese Rolle als Mensch einzunehmen wäre äußerst anspruchsvoll und zeitaufwendig.

In meiner Arbeit orientiere ich mich deshalb zuerst an einem anderen Bild, das ich in meinen Büchern und in der Masterclass beschreibe: Ich imitiere zunächst das Verhalten eines Jährlings, der in der Herde von den erwachsenen Pferden lernt. Ich versuche, mich so in die Pferdewelt einzufügen, dass die Pferde mich als Gewinn für ihre „Herde“ erleben – als jemand, der zuhört, sich anpasst und verlässlich ist.

Die Grundlage ist für mich immer eine freiwillige, freundschaftliche Beziehung und kein ständiger Kampf um Führung. Erst wenn diese Basis stimmt, können im Laufe der Zeit Mensch und Pferd die Verantwortung je nach Situation teilen: Mal gebe ich die Richtung vor und mal kann das Pferd seinen Instinkten folgen. Dafür muss ich kein Leithengst sein, sondern es genügt vollkommen, wenn ich Teil der Herde bin. Was, wenn wir ehrlich sind, schon eine wirklich große Aufgabe für uns als Mensch ist.

Marc Lubetzki ruht neben dem Herdenhengst

Mit der richtigen Verhaltensweise ist die Gefahr eines Konfliktes mit einem Leithengst ausgeschlossen.

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