

HERDENVERHALTEN
Balance aus Nähe und Distanz
Für Wildpferde steht die Herde im Mittelpunkt ihres Lebens. Zugleich bildet jede Gruppe einen Teil einer größeren Sozialgemeinschaft, dem sogenannten Herdenverband, in dem mehrere Herden denselben Lebensraum miteinander teilen.
Für Pferde ist die Unterscheidung in Herde und Herdenverband die wichtigste Grundlage für Verhalten und Kommunikation. Innerhalb einer Herde gelten andere Regeln wie zwischen Pferden, die in verschiedenen Gruppen leben. Die wichtigste Regel ist die räumliche Abgrenzung. Nähe und Distanz zwischen den Herden variieren je nach Situation und Umgebung.

Ein Herdenverband besteht aus vielen Gruppen.
Verhalten sich Pferde territorial?
Wölfe sind zum Beispiel klassische territoriale Tiere. Sie haben ein festes Revier, laufen es regelmäßig ab und machen durch Losung und Geruch klar, wo ihre Grenzen verlaufen. Fremde Rudel oder einzelne Wölfe werden in diesem Gebiet nicht geduldet. Das Revier wird verteidigt.
Wildpferde dagegen kennen kein starres Revier, sondern einen Lebensraum, den sie mit anderen Herden teilen. Statt feste Grenzen zu markieren, achten sie lediglich auf den Abstand zueinander. Hat eine Herde eine Fläche verlassen, kann eine andere Gruppe dorthin folgen. Die Ordnung und Abgrenzung zwischen den Herden wird durch die Althengste geregelt.
Während Wölfe also ihr Revier gegen Artgenossen abschotten, nutzen Wildpferde ihren Raum gemeinsam und organisieren „Territorium“ vor allem über Beziehungen im Herdenverband.

Eine kleine Junggesellengruppe.

Eine mittelgroße Herde.

Eine sehr große Herde.
Wie groß ist eine Herde?
Wildpferde kennen nicht „die eine“ ideale Herdengröße. Größe und Struktur können stark variieren und sich an Lebensraum, Charakter der Tiere und dem Herdenverband anpassen.
Die kleinsten Herden bestehen aus zwei bis vier Pferden. Solche Miniherden sind über viele Jahre erstaunlich stabil, neue Tiere kommen nur selten dazu, und Fohlen verlassen ihre Familie oft schon nach einem Jahr.
Häufiger sind mittelgroße Gruppen mit acht bis zwölf Pferden, in denen meist ein erwachsener Hengst mit mehreren Stuten und ihrem Nachwuchs lebt. Auch diese Herden wachsen nicht unbegrenzt, sondern bleiben über längere Zeit in einer ähnlichen Größe. Der Nachwuchs geht in der Regel nach ein bis zwei Jahren.
In größeren Herden mit zwanzig und mehr Pferden finden häufiger Veränderungen statt. Jungtiere wechseln in eine andere Herde oder schließen sich Junggesellengruppen an, während die Kernstruktur der Herde stabil bleibt.
Ab etwa zwanzig Tieren ist es normal, dass mehrere erwachsene Hengste dauerhaft in einer Herde leben.
Sehr große Herden mit bis zu über sechzig Pferden sind selten, weil es nur wenige Hengste gibt, die dermaßen charismatisch sind, dass sie so große Gruppen über Jahre führen können.
Eine Sonderform sind die Junggesellengruppen, in denen keine weiblichen Tiere leben. Aber auch sie haben, wie jede Herde unabhängig von ihrer Größe wichtige Aufgaben im Herdenverband.

Herden unterliegen einem Lebenszyklus und verändern sich in ihrer Zusammensetzung.
Dynamische Veränderungen der Gruppen
In all den Jahren mit Wildpferden habe ich keine Herde erlebt, die ihr ganzes Leben gleich geblieben wäre. Größe und Zusammensetzung verändern sich.
Am Anfang bestehen Herden aus wenigen Pferden. Nicht zwingend handelt es sich dabei nur um Jungtiere. So kann auch eine ältere Stute mit Fohlen den Impuls zur Entstehung einer neuen Herde geben. Das sich zu Beginn zwei oder drei junge Hengste mit ihr zusammenschließen, ist nicht unüblich. Mit den Jahren kommen Fohlen dazu und junge Pferde wachsen heran. Irgendwann beginnen die ersten, ihre Geburtsherde zu verlassen – manchmal aus eigenem Antrieb, manchmal, weil der Herdenhengst sie vertreibt, um das Gleichgewicht in der Gruppe zu erhalten.
Außerdem können je nach Herdengröße und Charakter auch Jungtiere von anderen Gruppen aufgenommen werden. Ab einem bestimmten Alter verkleinert sich die Herde wieder. Trotzdem bleibt eine ausgewogene Mischung an Charakteren erhalten. Und auch Fohlen und Jungtiere sind weiter Teil einer Herde.
In der Gruppenhaltung von Hauspferden empfehle ich, sich an dieser natürlichen Dynamik zu orientieren. Eine völlig starre Herde, in der über Jahre nichts passieren darf, entspricht nicht dem, was ich in der Wildnis beobachte. Veränderungen sollten allerdings behutsam geplant und die jeweilige Herdenstruktur beachtet werden.
Auch sollte der Herdentyp exakt bestimmt sein. Von reinen Wallachgruppen und Herden, die ausschließlich aus Jungtieren oder Senioren bestehen, rate ich ab. Eine Herde sollte so zusammengesetzt sein, dass sie in sich ausgeglichen ist. Eine Balance zwischen Ruhe und Aktivität ist auf Dauer für das Wohlbefinden und die Gesunderhaltung der Pferde essenziell.

Es gibt Herden, die klein und stabil bleiben.

Manche Herden sind dynamisch.
Die Struktur einer Herde
Außer in kleinen Herden mit weniger als vier Pferden, finden wir in allen natürlich gewachsenen Herden eine ausgewogene Struktur. Ihre Zusammensetzung können wir in drei Kategorien unterteilen: Geschlecht, Lebensalter und Charakter. Diese drei Kategorien sind je nach Herdentyp unterschiedlich besetzt. Welche Pferde in die Herde aufgenommen werden und wer die Gruppe verlassen muss, entscheidet nicht die Herde als Gesamtheit, sondern der Althengst.
Da bei unserer Gruppenhaltung ein Hengst normalerweise fehlt, übernimmt ein erwachsenes Pferd diese Aufgabe. Das kann ein Wallach sein, aber genauso gut eine Stute. Ist die natürliche Struktur einer Herde nicht vorhanden, wirkt für viele Menschen dieses Pferd dann wie ein „Stinkstiefel“. Dabei versucht es einfach nur permanent die Balance der Gruppe herzustellen.

Eine Herde bildet eine Einheit im Herdenverband. Zunächst bleiben wir Menschen außenvor.
Überlegungen für die Gruppenhaltung von Hauspferden
Wir können nicht einfach sagen, das Pferd ist ein Herdentier und fremde Pferde zusammenstellen. Tatsächlich gehört die Zusammenstellung von Herden zu den schwierigsten Aufgaben in der Gruppenhaltung. Bei sehr großen Gruppen und ausreichend Platz bilden die Pferde meist von selbst passende Herden. Da kann ich einfach nur sagen: Glück gehabt! Bei kleineren Gruppenhaltungen ist die Zusammenstellung und die Integration von Pferden zum Beispiel bei einem Stallwechsel oft schwieriger. Da verlässt das Glück dann schnell das Unterfangen und es hilft nur fundiertes Wissen und viel Erfahrung mit Herdenstrukturen.
Eine Sache kann aber jeder von uns machen. Wir können die Herdenstrukturen respektieren und bei der Kontaktaufnahme beachten. Genauso wie kein Pferd in der Natur einfach so in eine Herde läuft, sollten auch wir uns wenigstens an diese elementare Regel im Herdenverhalten halten.
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