
HENGSTVERHALTEN
Ein Leben für die Herde
In der Hauspferdehaltung ist es gängige Praxis, erwachsene Hengste zu separieren und sie in Einzelboxen zu halten. Bei den Wildpferden erlebe ich etwas völlig anderes: Ein erwachsener Hengst lebt mitten in seiner Herde. Zusammen mit Stuten, Fohlen, Jungtieren und größeren Herden sogar mit mehreren erwachsenen Hengsten bilden sie eine harmonische Gemeinschaft.
Für die Hengste ist die Herde sogar ein noch wichtigerer Bezugspunkt wie für alle anderen Pferde, denn der Althengst ist das einzige Tier, das seine Herde nicht wechseln kann. Während es allen anderen Pferden frei steht, die Herde zu verlassen und sich einer anderen anzuschließen, bleibt der Herdenhengst bis zu seinem Tod in seiner Herde.
Die Verbindung nach außen
Neben seiner lebenslangen Bindung an seine Herde gibt es weitere besondere Sozialverhalten von Althengsten. So halten sie zum Beispiel die Verbindung zu anderen Gruppen aus dem Herdenverband. Dafür verlassen sie vorübergehend ihre Herde und treffen sich außerhalb mit anderen Hengsten. Ein anderer Grund für ein zeitweises Entfernen aus ihrer Herde kann die Absicherung der Umgebung sein. Während die Stuten die meiste Zeit ihre Aufmerksamkeit nach innen im Besonderen auf ihre Fohlen richten, beobachten die Hengste das Umfeld und auch Pferde aus anderen Herden intensiver.

Nach seinem Ausflug trabt der Althengst zurück in seine Herde.
Zurück in der Herde
Nach ihren sozial motivierten Ausflügen kehren die Althengste auf direkten Weg wieder zurück in ihre Herde. Ob überhaupt und wenn ja, welche Pferde wie von ihnen begrüßt werden, hängt von der jeweiligen Situation ab. Eine Annäherung und Begrüßung, wie sie üblicherweise von Menschen praktiziert wird, habe ich unter Pferden noch nie beobachtet.
In den meisten Fällen geht der Herdenhengst ruhig und unaufgeregt einfach in seine Familie. Ein Blickkontakt zwischen ihm und ein oder zwei erwachsenen Stuten genügt den Pferden. Die Signalgebung erfolgt also fast ausschließlich durch Körpersprache.

Kommt der Hengst zurück in seine Herde muss er sich nicht frontal nähern.

Der innige Sozialkontakt zwischen Hengst und Stuten erfolgt ganzjährig.
Sozialkontakte in der Herde
Während einige Stuten vor allem in größeren Herden nicht zu allen anderen Tieren regelmäßige Sozialkontakte pflegen, haben die Althengste zu jedem Pferd aus ihrer Gruppe täglich Kontakt. Ihre Interaktionen sind allerdings meist kürzer und nicht so intensiv wie die Kontakte zwischen gut befreundeten Stuten.
Auch ist bei Stuten öfter zu beobachten, dass sie eine Kontaktanfrage zunächst ablehnen und erst später auf ein Angebot eingehen. Der Herdenhengst ist dagegen fast immer bereit, in eine soziale Aktion mit einem Pferd aus seiner Familie zu gehen.
Kein Pferd aus der Herde hat so viele Sozialkontakte wie der Althengst.
Besonders zwischen dem Herdenhengst und den Jungtieren finden viele Interaktionen statt. Diese gemeinsamen Zeiten haben für beide Seiten viele Vorteile. Vor allem männliche Jungtiere profitieren davon. Sie lernen sehr viel von ihren Vätern. Für die Althengste hat die dadurch entstehende intensive Beziehung den Vorteil, dass sie später, wenn ihr Nachwuchs erwachsen ist, bereits eine freundschaftliche und vertraute Basis besteht.
Gründet ihr Nachwuchs dann eine eigene Herde und treffen sich Vater und Sohn nun als Herdenhengste wieder, führen sie in den meisten Fällen ihre Beziehung und damit auch die ihrer Herden auf freundschaftlicher Ebene weiter. Beschädigungskämpfe zwischen Hengsten, die längere Zeit zusammen in einer Herde gelebt haben, sind die Ausnahme.

Der Althengst mit einem seiner Fohlen.

Auch Hengste betreiben soziale Fellpflege.
Aufgaben in der Herde
Der Hengst ist derjenige, der die Herde nach außen absichert. Oft hält er sich am Rand der Herde auf und unterbricht als Erster das Grasen, wenn er oder eine wachehaltende Stute etwas Ungewöhnliches bemerkt.
Den Nachwuchs begleitet der Hengst sehr aufmerksam. Er holt übermütige Fohlen zurück, wenn sie zu weit ausscheren und greift ein, wenn einzelne Tiere zu stark bedrängt werden. Dabei nutzt der Althengst seine Präsenz und Berührungen, um aufgeregte Jungtiere zu beruhigen. Gerade ein- und zweijährige Junghengste lernen so, Grenzen zu akzeptieren, ohne aus der Gemeinschaft zu fallen.
Eine seiner wichtigsten sozialen Aufgaben ist die Zusammensetzung der Herde. Nur der Althengst lädt neue Pferde in die Gruppe ein, und nur er vertreibt Jungtiere oder charakterlich nicht passende Pferde aus der Herde, damit das Gleichgewicht der Gruppe erhalten bleibt.
Rund um Geburten zeigt sich seine Zurückhaltung. Stuten, die ihre Fohlen außerhalb der Herde gebären möchten, lässt er ziehen und verweilt mit der Herde in der Nähe. Bringt eine Stute ihr Fohlen im Kreis der Herde zur Welt, sorgt er dafür, dass die Stute und ihr Neugeborenes nicht gestört werden. Nur das Fohlen von Vorjahr lässt er zur Mutterstute durch.
Schließlich initiiert der Althengst die Ortswechsel, die aufgrund von Witterung, vermeidlicher Gefahr in der Umgebung und dem Anschluss an den Herdenverband nötig sind. Ob der Althengst an der Spitze seiner Herde, seitlich oder hinter der Gruppe agiert, ist von der Situation und den anderen erwachsenen Pferden aus der Herde abhängig.

Der Herdenhengst grast am linken Rand der Herde.
Der Hengst ist die gute Seele der Herde
Wenn ich mit Wildpferden unterwegs bin, erlebe ich die Hengste immer wieder als gutmütige Pferde. Die erfahrenen Althengste, die ich über viele Jahre begleitet habe, reagieren auf Fehler der Jungpferde oder auch auf meine Ausrutscher im sozialen Miteinander meist bedacht mit einer klaren, aber ruhigen Geste. Kurz darauf ist alles wieder vergessen. Sie legen nicht „jedes Wort auf die Goldwaage“, sondern bleiben gelassen, solange die grobe Richtung stimmt.
Gerade diese Mischung aus innerer Ruhe und Bereitschaft, sich im Notfall bedingungslos vor seine Herde zu stellen, macht Hengste für die Gruppe so wichtig. Tag für Tag übernehmen sie Verantwortung. Hengste sichern, lenken und erziehen, ohne permanent Druck auszuüben. In einer Umgebung, die zu ihnen passt und ihnen genügend Raum und Sozialkontakt lässt, sind Hengste verlässliche Kumpel, „mit dem man durch dick und dünn gehen kann“ – Pferde, die nicht durch Dominanz, sondern durch Beständigkeit Vertrauen schaffen.
Halte ich mir vor Augen, wie schnell Hengste in beengten Verhältnissen ohne Herdenanschluss aus dem Gleichgewicht geraten und aggressiv werden können, wird für mich deutlich, wie sehr ihre Gutmütigkeit von passenden Rahmenbedingungen abhängt. In einer intakten Herde zeigt sich der Hengst nicht als Problem, sondern als gute Seele der Gemeinschaft.

Sommer 2013: wieder viel gelernt, im Exmoor.

Ruhe, Bestimmtheit und Souveränität - typisch Hengst.
Was wir von wilden Hengsten lernen können
Es ist so absurd. In der Pferdewelt gibt es zwei große Lager. Die einen meinen, sie müssten den Leithengst mimen, obwohl sie gar nicht wissen, wie sich Hengste verhalten und die andere Fraktion behauptet, dass Hengste außer Beschützer zu sein und zu Decken für die Herde unwichtig sind.
Der Grund für die falsche Interpretation von Hengstverhalten ist die meist tierschutzrelevante Haltung von Hengsten, wodurch Hengste aus dem Gleichgewicht geraten, weil sie ihre ausgeprägten sozialen Aktivitäten nicht ausleben können. Würden sich beide Lager an der wahren Natur der Hengste orientieren, müssten beiden ihre Lehrmethoden anpassen.
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